Ausgrabung des Schiloach Teiches

Zusammenfassung des Vortrages von Prof. Dr. Ronny Reich über die Ausgrabung des Schiloachteiches in Jerusalem an der Hochschule Heiligenkreuz am 11. Okt. 2017

Auf den Spuren Jesu Christi. Biblische Archäologie der rituellen Reinheit und die Entdeckung des Schiloach-Teichs in Jerusalem

Einen großen Bogen spannte Dr. Ronny Reich, Professor für Archäologie an der Universität Haifa und Doyen der zeitgenössischen Jerusalem-Forschung, bei seinem Vortrag an der Hochschule Heiligenkreuz von den Heilungswundern Jesu über aktuelle archäologische Entdeckungen bis hin zu den Reinheitsvorschriften im Judentum damals wie heute. Der Vortrag inaugurierte die touristisch-theologische Lehrgangskooperation „Biblisches Reisen“ zwischen der Fachhochschule IMC Krems und der Hochschule Heiligenkreuz und wurde live von Radio Maria übertragen.

Von den vielen Wundern Jesu, von denen wir in den Evangelien lesen, bewirkte er nur zwei in Jerusalem. Und diese beiden Wunder haben einiges gemeinsam, denn beide Wunder waren Heilungswunder und beide fanden bei Teichanlagen, eine im Norden und die anderen im Süden der Stadt, statt:

– die Heilung des Kranken am Teich Bethesda in Joh 5,1–9

– die Heilung eines Blindgeborenen am Teich Schiloach in Joh 9,1–7

Die in der byzantinischen Zeit noch erhaltene Teichanlage von Bethesda wurde im 5. Jahrhundert mit Bogenkonstruktionen überwölbt und darauf eine Kirche – wohl im besonderen Gedenken des Heilungswunders Jesu – errichtet. Im 7. Jahrhundert wurde sie wie fast alle Kirchen des Landes im Zuge der persischen Eroberung unter dem sassanidischen König Chosrau II. zerstört und die mit Schutt und Sediment im Lauf der Zeit zugewachsene Stelle geriet bald völlig in Vergessenheit. Die 1142 von den Kreuzfahrern östlich der Stelle erbaute St.-Anna-Kirche war ein Ausdruck der Marienfrömmigkeit ohne Bezug zum Heilungswunder. Nach den Ausgrabungen von Bethesda durch französischen Archäologen im 19. Jahrhundert ist die Identifizierung der Anlage mit Bethesda heute unumstritten.

Die Teichanlage von Schiloach hingegen war gleichsam nie in Vergessenheit geraten und den christlichen Pilgern seit etwa 1500 Jahren bekannt gewesen. Kaiserin Eudokia hatte Mitte des 5. Jahrhunderts an dieser Stelle am Ausgang des Hiskia-Tunnels, durch den das Wasser der Gihon-Quelle floss, die Siloam-Kirche errichten lassen, die zwar im 7. Jahrhundert ebenfalls zerstört worden war, deren Ruine aber die Stelle des Teichs bis heute markiert. Tatsächlich aber hatte die Kaiserin zu ihrer Zeit den falschen Teich als heilsgeschichtlichen Ort identifiziert, nämlich eine Teichanlage, die erst nach den Zerstörungen Jerusalems im Ersten und Zweiten Jüdischen Krieg gegen Rom (66–74 und 132–135 n. Chr.) schließlich im 2. Jahrhundert n. Chr. im Zuge der Neuerrichtung der Stadt als Colonia Aelia Capitolina gebaut worden war. Der eigentliche Schiloach-Teich aus der späten Zweiten Tempelzeit, also aus der Zeit Jesu, lag aber etwa 200 Meter weiter südlich und war im 5. Jahrhundert von der Erosion bereits so zugeschüttet, das er nicht mehr sichtbar und bereits aus dem lokalen Gedächtnis verschwunden war. Ein Zufall führte im Jahr 2004 zu seiner Wiederentdeckung, als ein unter Straße verlaufendes Abwasserrohr barst und bei den Reparaturarbeiten antike Stufenanlagen zum Vorschein kamen, die sich im Zuge der Notausgrabungen der Antikenbehörde als Teil der originalen Teichanlage herausstellten. Heute ist diese Identifizierung ebenfalls unumstritten. Und das ausgegrabene und erforschte Teilstück der Teichanlage ist ein Teil des archäologischen Parks der „Davidstadt“, das größere Teilstück liegt immer noch unter der Erde des Gartens des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem.

Die neutestamentliche Schilderung Heilung eines Blindgeborenen gerade am Teich Schiloach ist kein Zufall, so Professor Reich. Das Wasser des Schiloachteichs hatte gemäß den jüdischen Reinheitsvorschriften, der Halacha, die höchste Reinigungskraft. Denn die Halacha, die Sammlung der rechtlichen Vorschriften der Schriftlichen wie auch der Mündlichen Tora, teilt Wasser in sieben Reinigungsstufen und die höchste war Quellwasser, das in Jerusalem nur bei Gihon vorkam und sich nur in den Schiloach ergoss. Und bei schwersten Erkrankungen wie Blindheit benötigte man die höchste Reinigungsstufe des Wassers. Dabei unterstrich Professor Reich den wesentlichen Unterschied zwischen Heilung und Reinigung. Nicht das Wasser des Schiloach heilte den Blindgeborenen, sondern Jesus selbst. Das Waschen mit dem Wasser diente der anschließenden Reinigung im rituellen Sinn. Das ist bei der Erzählung der Heilung des Kranken am Teich Bethesda noch klarer nachvollziehbar, denn dort steht der Lahme auf die Worte Jesu hin auf – ist also durch die Worte Jesu geheilt – und geht dann aus eigener Kraft zum Teich Bethesda, um sich zu waschen, also rituell zu reinigen. So kennen die biblischen Gebote, vor allem im Buch Levitikus, eine Reihe von Gegebenheiten, die einen Menschen rituell unrein machen und die eine nachherige rituelle Reinigung erfordern, so eben eine Reihe von Krankheiten, aber auch Menstruation, Geburt, Ausfluss, Sex, Tod und Tieropfer. Aber immer gilt: die Ursache der Unreinheit muss vorüber sein, damit man durch das Waschen rituell rein werden kann.

Für rituelle Reinigung benötigt man aber nicht immer Wasser der höchsten Reinigungsstufe, also Quellwasser. Für minder schwere Bedürfnisse reicht Regenwasser zur Reinigung aus. Dieses Regenwasser muss gesammelt und in Badeinstallationen zur Verfügung gestellt werden, den so genannten Mikwen. Auch hier gilt Professor Ronny Reich als Entdecker. In der Literatur stets bekannt, hatte man bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts noch keinerlei Ahnung, wie die Mikwen der Zweiten Tempelzeit wirklich ausgesehen hatten. Bei den Ausgrabungen im Jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem in den Jahren 1969–1978, an denen Ronny Reich als Assistent des Grabungsleiters Nahman Avigad mitwirkte, kamen mehrere Becken zum Vorschein, die von Ronny Reich erstmals als Mikwen interpretiert wurden. Etwa zehn Jahre später legte er dann seine Dissertation mit dem Titel „Mikwa’ot in Eretz Israel in den Zeiten des Zweiten Tempels, Mischna und Talmud“ vor, die er bei Nahman Avigad und Israel L. Levine verfasst hatte und auf den Befunden der Ausgrabung im jüdischen Viertel begründet ist. Heute sind mehrere hundert Mikwen durch archäologische Ausgrabungen im Heiligen Land bekannt und werfen ein helles Licht auf das religiöse Leben in der späten Zweiten Tempelzeit, der Zeit Jesu.